Wassertherapie

 

Kehlkopflose und am Kehlkopf operierte Menschen können sich, bedingt durch die Anlage eines Stomas, nicht mehr ohne Aufsicht frei im Wasser bewegen – nicht einmal mehr unbeaufsichtigt in einer Wanne baden, da bei einem Ausrutscher Wasser in das Stoma eindringen könnte. Deshalb kann bei ihnen ohne Hilfsmittel auch keine Wassertherapie (gezielte Bewegung im Wasser) durchgeführt werden. Eine Wassertherapie wäre jedoch in allen Fällen, in denen durch die Operation die Schulterbeweglichkeit sehr eingeschränkt ist, aus medizinischer Sicht sehr wünschenswert und für eine schnelle Wiedereingliederung ins Arbeitsleben von großer Wichtigkeit.

Eine weitere Einschränkung durch die Operation ist, dass die Betroffenen nicht mehr durch die Nase atmen können, was häufig zu Verstopfungen der Nasennebenhöhlen führt und mit der Zeit Schwerhörigkeit auslösen kann.

Hierüber haben sich Betroffene Gedanken gemacht, und in Zusammenarbeit mit Hilfsmittelfirmen Geräte entwickelt, die in beiden Fällen mit großem Erfolg Abhilfe schaffen, denn die sogenannten „Wassertherapiegeräte“ heben beide Einschränkungen zumindest für die Zeit ihrer Anwendung auf. Sie gestatten ihrem Träger so den gefahrlosen Aufenthalt im Wasser – wie bei einem gesunden Menschen – und damit:Die gefahrlose Durchführung der notwendigen Körperpflege und -hygiene in einer Badewanne.Die Durchführung von Heilbehandlungen im Wasser (Wassertherapie) sowie die Teilnahme an Wassergymnastik- und Aquapower-Kursen.Und zu guter Letzt das freie Schwimmen. Durch die Geräte wird aber nicht nur die körperliche Einschränkung aufgehoben, sondern auch das Gefühl „behindert zu sein“ vermindert. Dadurch wird das Selbstvertrauen der Betroffenen gestärkt.

Was bewirken die Wassertherapie und das Schwimmen im Körper?

Der Mensch hat im Wasser (voll eingetaucht) nur noch ein Zehntel seines Körpergewichts zu tragen. Die restlichen neun Zehntel werden vom Wasser „übernommen“. Durch den Auftrieb des Wassers werden insbesondere die Wirbelsäule und die oftmals strapazierten Gelenke entlastet. Darüber hinaus erleichtert der Auftrieb dem einzelnen Muskel seine Arbeit. Gleichzeitig erhöht sich durch den Wasserwiderstand die zur Ausführung einer Bewegung erforderliche Muskelarbeit und damit der Trainingseffekt. Da auch die Einatmung gegen den Wasserwiderstand erfolgt, sind Wassertherapie und Schwimmen ein vorzügliches Training für die Atemmuskulatur. Beim Schwimmen wird zudem der Brustkorb ausgiebig gedehnt, sodass sich die Lungen in allen Teilen, besonders in den beim Laufen weniger beanspruchten oberen Abschnitten, voll entfalten können. Viele Ärzte halten das Schwimmen deshalb für die biologisch wertvollste Ausdauersportart überhaupt, mit vielen positiven Wirkungen auch auf die Psyche.

Nachfolgend die vier wichtigsten Vorteile der Wassertherapie und des Schwimmens im Überblick:Die Bewegung im Wasser tut der überlasteten Wirbelsäule gut, denn das Wasser trägt einen Großteil des Körpergewichts. Auch die strapazierten Gelenke werden entlastet.Die waagerechte Körperlage beim Schwimmen schafft günstige Rückflussbedingungen für das Blut in den Venen und wirkt so Krampfadern entgegen.Schwimmen vertieft die Atmung und regt den Kreisanlauf an. Wer zehn Minuten ohne Pause schwimmt, führt ein echtes Kreislauftraining durch. Reihenuntersuchungen einer Universitätsklinik ergaben beispielsweise, dass bereits einige Minuten gemächliches Schwimmen in gut gewärmten Wasser (28 bis 30 °C) eine gute Sporttherapie für Infarktgefährdete und -kranke sind.Ältere Menschen können durch regelmäßige Wassergymnastik und/oder regelmäßiges Schwimmen dazu beitragen, dass ihre Leistungsfähigkeit – vom normalen Alterungsprozess einmal abgesehen – nicht vorzeitig abnimmt.

Wo kann ich als Kehlkopfloser schwimmen bzw. an einer Wassertherapie teilnehmen?

„Mit dem Wassertherapiegerät können auch Kehlkopflose im Grunde in jedem städtischen Frei- oder Hallenbad schwimmen gehen“, sagt Klaus Steinborn, dem vor 33 Jahren der Kehlkopf entfernt wurde und der seit 1996 im Auftrag des Bundesverbandes weit über 50 Betroffene in Seminaren zu Wassertherapiebeauftragten ausgebildet hat, die nun ihrerseits ihr Wissen an andere Betroffene weitergeben. „Doch den meisten Halsatmern ist es dort zu hektisch. Außerdem scheuen viele davor zurück, sich mit dem Wassertherapiegerät in der Öffentlichkeit zu zeigen.“ Das gilt weniger für die überall von den Bädergesellschaften angebotenen und meist in kleinen Gruppen durchgeführten Wassergymnastik-Kurse, als fürs freie Schwimmen. Die beste Lösung ist in diesen Fällen vermutlich die Mitgliedschaft in einem Behindertensportverein, der Schwimmen im Angebot hat. Eine Lösung, die auch Klaus Steinborn für sich selbst gewählt hat. Wo vor Ort derartige Vereine zu finden sind, wissen die örtlichen Wassertherapie-Beauftragten. Aber auch Klaus Steinborn ist Interessierten gerne mit entsprechenden Adressen behilflich.

Wie funktioniert ein Wassertherapiegerät und wie bekomme ich es?

Zurzeit sind von drei verschiedenen Hilfsmittelfirmen Geräte ähnlicher Bauart auf dem Markt (siehe Fotos). Diese Geräte wurden vom TÜV Rheinland getestet, zertifiziert und für den Gebrauch freigegeben und sind jeweils mit einer aufblockbaren Kanüle und einem Mundschlauch ausgestattet. Dieser bewirkt, dass der Luftstrom vom Stoma in den Mund geleitet wird, sodass die Anwender letztlich wieder durch die Nase atmen und deshalb in der Zeit, in der sie das Gerät tragen, auch wieder riechen können.

Zwei dieser Geräte können alternativ mit einem Schnorchel ausgestattet werden. „Dieser ist jedoch nach meiner Erfahrung nur für die Wassertherapie und die Badewanne wirklich zu empfehlen, zum Schwimmen ist er weniger geeignet“, so Klaus Steinborn.

Was muss ich tun, um ein Wassertherapiegerät zu bekommen?

Damit die Kosten von den Krankenkassen übernommen werden muss das Wassertherapiegerät durch einen Arzt der Hals-Nasen-Ohrenheilkunde (HNO) verordnet werden. Dieser untersucht zunächst, ob der Betroffene gesundheitlich überhaupt für eine Anwendung des Gerätes geeignet ist, legt bei einem positiven Entscheid die Kanülengröße fest und stellt zu guter Letzt ein Rezept für das Wassertherapiegerät aus. Dieses muss bei der Krankenkasse eingereicht und von dieser genehmigt werden. In letzter Zeit weigern sich einzelne Krankenkassen, die Kosten für dieses Hilfsmittel zu übernehmen. „Am besten reicht man deshalb neben dem Rezept auch eine Verordnung über eine wassertherapeutische Behandlung mit ein“, sagt Klaus Steinborn. Sollte die Krankenkasse die Kostenübernahme trotzdem verweigern, rät er, unbedingt Widerspruch einzulegen. Sobald das Okay der Krankenkasse vorliegt, liefert die Hilfsmittelfirma das Gerät an den jeweils zuständigen Wassertherapiebeauftragten aus – nicht an den Betroffenen. Eine weitere Voraussetzung für die Kostenübernahme durch die Kasse ist nämlich, dass der Benutzer vor dem ersten Gebrauch von einem speziell dafür ausgebildeten Wassertherapiebeauftragten in die richtige Anwendung des Gerätes eingewiesen worden ist. Eine entsprechende Bescheinigung, die von den Wassertherapiebeauftragten des Bundesverbandes ausgestellt wird, ist der Krankenkasse vorzulegen. Erst dann fließt Geld.

Wann und wo kann ich an einer Wassertherapie teilnehmen und den Umgang mit dem Wassertherapiegerät erlernen?

Voraussetzung für die Teilnahme an einer Wassertherapie ist ein völlig abgeheiltes, dichtes Stoma. Deshalb wird die Wassertherapie in der Regel im Rahmen der Reha-Nachbehandlung durchgeführt. Dort erfolgt dann auch die entsprechende Einweisung. Darüber hinaus besteht natürlich die Möglichkeit, den Umgang mit dem Gerät auf einem Wassertherapieseminar des Bundesverbandes zu erlernen.

Wie läuft eine Wassertherapieschulung ab?

Nach einer theoretischen Einweisung werden die Anwender zunächst durch mehrmaliges Anpassen mit der Handhabung des Gerätes vertraut gemacht. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Prüfung der Dichtheit noch auf dem Trockenen gelegt. Erst wenn die Anpassung erfolgt und die Atmung in Ordnung ist, dürfen die Benutzer ins Wasser.

Das Einsetzen des Gerätes ist am Anfang oft mit einem Hustenreiz verbunden, der aber durch das Auftragen einer Anästhesiesalbe gemildert werden kann. Beim Einsatz eines Gerätes mit Schnorchel wird streng darauf geachtet, dass der Schnorchel vor dem Einsetzen der Kanüle am Kopf befestigt wird, um Atembeschwerden vorzubeugen, die durch das Herunterhängen des Schnorchels entstehen können, da in dieser hängenden Position die Rückschlagsicherung im Schnorchelkopf aktiv wird.

Zum Schluss noch zwei Hinweise und eine Bitte!

Auch nach erfolgter Schulung sollte anfangs der Gang ins Wasser immer unter Aufsicht eines ausgebildeten Übungsleiters erfolgen. Nach der Wassertherapie oder dem Schwimmen sollte das Wassertherapiegerät durch intensives Ausspülen mit klarem Wasser gründlich gereinigt werden. Wer ein Wassertherapiegerät verordnet bekommen hat, sollte dieses auch regelmäßig nutzen – auch wenn anfangs vielleicht Beschwerden auftreten. Denn auch bei der Anwendung des Gerätes bedarf es, um ans Ziel zu gelangen, einer gewissen Portion Ausdauer und Geduld.