Ernährung für Krebspatienten

Wie wirkt sich die Therapie aus

Die Angst vor Übelkeit bei einer Chemotherapie kennen viele Krebspatienten. Auch vor und nach Operationen oder einer Strahlentherapie können die Lust am Essen oder sogar die Fähigkeit, normal Nahrung aufzunehmen, gestört sein. Doch Experten warnen vor Pauschalisierungen: Längst nicht alle Methoden der Krebsbehandlung haben Auswirkungen auf die Ernährung, und nicht jeder Krebspatient muss automatisch mit Einschränkungen rechnen. Die meisten therapiebedingten Probleme treten zudem nur zeitweise auf. Hat sich ein Patient von der Therapie erholt, konnte die Krankheit zurück gedrängt werden, stellt sich die Freude an einer gut zusammengestellten Mahlzeit meist von alleine wieder ein.
 

Operationen

Vor und nach chirurgischen Eingriffen werden viele Patienten auch unter ernährungsmedizinischen Gesichtspunkten intensiv betreut: Hat ein Betroffener stark abgenommen oder gibt es Hinweise auf Mangelernährung, empfehlen die Autoren einer 2006 erschienenen europäischen Leitlinie zur Ernährungstherapie sogar eine unterstützende Versorgung für zehn bis vierzehn Tage v o r dem Eingriff.

Um den Patienten etwas "aufzufüttern", damit er eine Operation besser übersteht, kann es sogar in Kauf genommen werden, den Eingriff entsprechend lange zu verschieben, so die Experten. Wo es Probleme mit der Verträglichkeit, der Verdauung oder der Menge der Nahrung gibt, sind Trinknahrung oder sogar unterstützende Infusionen als so genannte parenterale Ernährung  möglich. Oft reichen allerdings schon sorgfältig ausgewählte und etwas reichhaltigere  Lebensmittel aus, darauf weist die Leitlinie hin.

Eingriffe im Verdauungstrakt

 

Besondere Betreuung brauchen Patienten mit Tumoren im Kopf- und Halsbereich, also etwa im Mund, an der Zunge oder im Kehlkopf; weiter Patienten mit Speiseröhrentumoren, Magenkrebs, Bauchspeicheldrüsenkrebs oder Krebs des Dünndarms, Dickdarms oder Enddarms.

Per Nährstoffinfusion in eine Vene werden bei ihnen die ersten Tage nach großen Eingriffen überbrückt. Ist der obere Verdauungstrakt betroffen, kann auch eine Sonde gelegt werden, durch die der Patient besonders aufbereitete Nahrung direkt in den Magen oder den Dünndarm erhält.

Trotzdem wird schon in der Klinik versucht werden, so schnell wie möglich wieder zu trinken und mit einem normalen Kostaufbau zu beginnen. Patienten, die nach der Entlassung aus dem Krankenhaus noch nicht wieder wie üblich essen, können Unterstützung in den Angeboten der häuslichen Pflege oder Brückenpflege finden. Viele Rehabilitationseinrichtungen, die so genannten "Nachsorgekliniken", sind ebenfalls auf die besondere Situation bei Tumoren in Mund, Rachen, Speiseröhre und dem weiteren Verdauungstrakt spezialisiert und bieten zudem Ernährungsschulungen an.

Andere Operationen bei Krebs

Bei vielen anderen Tumoroperationen hängt es dagegen allein vom Ausmaß des Eingriffs und vom individuellen körperlichen Zustand ab, ob Probleme mit der Ernährung zu erwarten sind. So können zum Beispiel fast alle Patientinnen nach einer brusterhaltenden Operation nach den rund um die Narkose üblichen Fristen wieder normal essen.

Auch wenn der Darm selbst nicht betroffen ist, ist nach größeren Bauchoperationen Schonung notwendig: Zumindest während der ersten Tage nach der Operation vertragen Betroffene oft nicht alles. Sind Probleme zu erwarten, erhalten sie anfangs Infusionen oder angepasste Trink- oder Sondennahrung. Nach der Entlassung nach Hause reicht es aber auch nach Eingriffen im Bauchraum für die meisten Patienten aus,

 
  • auf Blähendes zu verzichten und
  • schwer verdauliche Speisen vorübergehend zu vermeiden.
 

Ist die erste Wundheilung abgeschlossen, können die meisten Betroffenen selbst nach größeren Eingriffen weitgehend normal essen.

Chemotherapie

Heute gehört zur Chemotherapie von vornherein die Gabe von Medikamenten, die Übelkeit und Erbrechen möglichst vollständig unterdrücken. Die Lust am Essen ist trotzdem bei vielen Patienten während einer Chemotherapie nicht wie üblich vorhanden

Übelkeit und Erbrechen

Diese so genannten Antiemetika dürfen nicht zu niedrig dosiert werden; Patienten sollten daher nicht versuchen, mit weniger Medikamenten als vorgesehen auszukommen oder Unwohlsein ganz ohne ihre Unterstützung auszuhalten: Hat der Körper einmal "gelernt", auf die Chemotherapie mit Erbrechen zu reagieren, kann später selbst das Betreten eines Krankenhausflures oder der Geruch in einer Arztpraxis Übelkeit auslösen.

Entzündungen in Mund und weiterem Verdauungstrakt

Die Zytostatika oder Zellgifte, die gegen Krebszellen eingesetzt werden, richten sich auch gegen andere schnell wachsende Zellen. Dazu gehören zum Beispiel die Haarwurzeln und die Schleimhäute. Zwar wird heute intensiv an der Entwicklung von Medikamenten gearbeitet, die möglichst spezifisch wirken. Noch leiden gerade bei den wirkungsvollsten Zytostatika aber bei vielen Patienten auch die Schleimhäute im Verdauungstrakt mit.

Besonders bei Entzündungen im Mund (Stomatitis) können Kauen und Schlucken schmerzhaft sein, wenn die Auswahl der Lebensmittel nicht entsprechend angepasst wird. Essen und Getränke sollten nicht zu heiß sein. Ob kalte Getränke als angenehm oder ebenfalls als schmerzauslösend empfunden werden, ist individuell verschieden. Auf besonders grobes Brot oder andere "scharfkantige" Lebensmittel sollte eine Zeitlang verzichtet werden, um unnötige Verletzungen zu vermeiden. Eventuell hilft es, soweit möglich, Speisen zu pürieren. Ist das Essen sehr schmerzhaft, lindern eventuell betäubende Mundsprays die Beschwerden, die der Arzt verschreibt. Nur in Ausnahmefällen, zum Beispiel bei ausgeprägten Infektionen, wird es notwendig, betroffene Patienten eine Zeitlang mit einer Magensonde zu versorgen, damit Mund und Rachenraum umgangen werden können.

Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust - hilft Vorbeugen?

Die Europäische Gesellschaft für klinische Ernährung (Espen, www.espen.org) weist darauf hin, dass es bisher keinen Nachweis für den Nutzen einer von vornherein mit besonderen Maßnahmen unterstützten Ernährung bei einer Chemotherapie gibt. Dies gilt auch dann, wenn ausgeprägte Appetitlosigkeit oder Erbrechen auftreten oder erwartet werden.

 
  • Es ist nicht notwendig, jedem Patienten automatisch und von Beginn der Chemotherapie an Trinknahrung, "Astronautenkost", andere besondere Nahrungsmittel oder Diäten anzubieten.
  • Die Nährstoffversorgung sollte so lange wie möglich über normale Lebensmittel und ganz normale Mahlzeiten aufrecht erhalten werden.

Viele Patienten mögen unter einer Chemotherapie kein Essen, das stark riecht oder sehr intensiv schmeckt. Andere bekommen dagegen Lust auf geschmackliche Abwechslung zum Beispiel auch bei Gewürzen und merken, dass Lebensmittel ihren Appetit anregen, die sie sonst eher ablehnen. Die meisten Experten empfehlen deshalb "Wunschkost", also das, worauf der Patient gerade Lust hat, solange dadurch auf Dauer nicht eine ausgeprägte Mangelversorgung zu befürchten ist.

Nur Gekochtes essen bei der Chemotherapie?

Besucher sollten sich des Risikos einer Infektionsgefahr bewusst sein und nicht versuchen, kleine Leckereien für den Patienten "einzuschmuggeln". Auch wenn es den Patienten wieder besser geht, sollten Mitbringsel mit Ärzten oder Pflegepersonal abgesprochen werden.

Die meisten Patienten müssen selbst während einer Chemotherapie keine Angst vor Krankheitserregern im Essen haben: Ihre Immunfunktion kann zwar unter den Zytostatika leiden. Sie ist aber selten so beeinträchtigt, dass rohe oder unverarbeitete Lebensmittel für sie ein Problem darstellen würden.

Anders sieht dies für Patienten während einer Stammzelltherapie aus: Ihr Immunsystem wird selbst mit sonst harmlosen Keimen unter Umständen nicht fertig. In den hoch spezialisierten Krankenhäusern, in denen eine solche Behandlung durchgeführt wird, erhalten Krebspatienten daher besonders zubereitete und je nach Bedarf sterilisierte Speisen.

Bestrahlungen

Bei vielen Behandlungsverfahren kann eine Strahlentherapie heute so individuell gesteuert werden, dass gesundes Gewebe weitgehend geschont wird.

Anders sieht dies aus, wenn der Verdauungstrakt direkt betroffen ist oder im Strahlenfeld liegt. Die meisten Patienten merken trotzdem nicht allzu viel, schwere Verbrennungen oder dauerhafte Schäden zum Beispiel der Speiseröhre oder der Darmschleimhaut sind heute selten geworden. Während der Bestrahlung selbst sollte trotzdem auf eine sorgfältig zusammengestellte Auswahl der Lebensmittel und Getränke geachtet werden. Blähendes oder schwer Verdauliches streicht man eine Zeitlang besser vom Speisezettel. Ob Vollkornprodukte oder rohes Gemüse und Obst erlaubt sind, sollte mit den Ärzten besprochen werden.

 
  • Von vornherein bei jedem Patienten und unter allen Umständen die Ernährung zu unterstützen, nur weil eine Bestrahlung ansteht, sei nicht notwendig, so die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin und die Europäische Gesellschaft für klinische Ernährung (www.espen.org).
  • Drohen Gewichtsverlust oder Mangelernährung, empfehlen die europäischen Leitlinien aber den frühzeitigen Einsatz von Trinknahrung und eine intensive Beratung der Patienten.
 

Besonders häufig treten Probleme mit dem Essen bei Patienten auf, die im Kopf- oder Halsbereich bestrahlt werden müssen. Ist das Essen wegen Entzündungen in Mund, Rachen oder Speiseröhre sehr schmerzhaft, helfen eventuell betäubende Mundsprays, die der Arzt verschreibt. Unter Umständen wird es notwendig, betroffene Patienten eine Zeitlang mit einer Magensonde zu versorgen, damit Mund und Rachenraum umgangen werden können.

Risiko durch Keime im Essen?

Normalerweise stellt eine Bestrahlung keine solche Beeinträchtigung des Immunsystems dar, dass Patienten Angst vor Krankheitskeimen aus der Nahrung haben müssten. Ob bei Bestrahlungen des Verdauungstraktes eine Zeitlang auf rohes Obst, rohes Gemüse oder andere nicht gekochte Lebensmittel verzichtet werden sollte, kann pauschal nicht beantwortet werden. Bei einer Strahlentherapie, die nicht den Verdauungstrakt direkt betrifft, sind solche Vorsichtsmaßnahmen aber in der Regel nicht nötig.

Anders sieht es nach einer Hochdosisbestrahlung aus, die bei Lymphomen oder Leukämien das Knochenmark für die Aufnahme von Stammzellspenden vorbereiten soll. Hier gelten besondere Verhaltensmaßregeln, ähnlich wie bei der Hochdosischemotherapie. Die Krankenhäuser, in denen Patienten mit dieser Therapie behandelt werden, sind darauf eingerichtet. Besucher sollten sich an die Vorgaben halten und zum Beispiel nicht versuchen, kleine Leckerbissen "einzuschmuggeln".

Vitamine bei Bestrahlung?

Viele Patienten wünschen sich während einer Strahlentherapie eine Möglichkeit, Nebenwirkungen zu lindern oder ihr "Immunsystem zu stärken". Der Griff zur Vitamintablette liegt nahe; entsprechende Produkte sind enorm populär, obwohl sie in den offiziellen Leitlinien zur Krebstherapie keine Rolle spielen. Noch dazu handelt es sich bei den meisten Präparaten gar nicht um echte Arzneimittel, sondern um so genannte Nahrungsergänzungsmittel.

Viele, wenn auch nicht alle Strahlentherapeuten sehen den Griff zur Vitamintablette zunehmend kritischer: Zumindest von der Theorie her könnten solche Substanzen auch die Tumorzellen vor der Wirkung der Therapie schützen.
Für Patienten mit Tumoren im Kopf-Hals-Bereich deuten erste Studien an, dass an dieser Befürchtung tatsächlich etwas Wahres sein könnte: Betroffene, die Carotine und Vitamin E genommen hatten, litten zwar tatsächlich weniger unter Nebenwirkungen. Allerdings zeigte sich nach einiger Zeit, dass sie früher und auch öfter an Rückfällen erkrankten als Patienten, die auf Vitamine verzichtet hatten.

Für generelle Empfehlungen oder Warnungen reichen die Studiendaten zurzeit noch nicht aus. Wenn ein Patient unbedingt Vitamine, Spurenelemente oder Ähnliches einnehmen möchte, sollte er dies aber auf jeden Fall mit den Strahlentherapeuten absprechen

Schmerztherapie

Wer unter Schmerzen leidet, für den ist Essen oft zweitrangig - der Appetit leidet schon bei vergleichsweise geringen Beschwerden. Wird eine ausreichende Schmerztherapie durchgeführt, normalisiert sich, natürlich abhängig von der Krankheitssituation, bei den meisten Patienten auch die Ernährungslage. Der Appetit kehrt zurück. Einige Schmerzmedikamente können jedoch Nebenwirkungen im Verdauungstrakt haben oder die Verdauung erschweren.

Medikamente aus der Gruppe der nichtsteroidalen entzündungshemmenden Medikamente (NSAIDs) können beispielsweise den Magen reizen; viele Menschen kennen diese Nebenwirkung vom bekanntesten Vertreter dieser Gruppe, dem "Aspirin" (ASS). Zeigen sich Anzeichen für eine schlechte Verträglichkeit, sollte der Arzt informiert werden: Um Entzündungen oder Blutungen vorzubeugen, kommen eventuell Begleitmedikamente in Frage, oder es wird, falls möglich, auf eine andere Darreichungsform gewechselt, etwa zu Zäpfchen.

Eine hartnäckige Begleiterscheinung der Schmerztherapie mit Morphinen ist Verstopfung. Sie muss von Beginn der Therapie an konsequent mitbehandelt werden; Hausmittel wie Leinsamen oder andere Ballaststoffe reichen dazu nicht aus. Der Arzt verordnet Abführmittel zusammen mit dem Morphinpräparat, dies ist auf dem gleichen Rezept möglich. Die Kassen erstatten in diesen Fällen auch die Kosten für entsprechende Medikamente (eine der Ausnahmeregelungen zur Kostenerstattung für nicht rezeptpflichtige Medikamente, Gemeinsamer Bundesausschuss, www.g-ba.de, Stichwort "OTC-Übersicht"). Die bei Beginn der Schmerztherapie mit Morphinen gelegentlich auftretende Übelkeit verliert sich dagegen bei den meisten Patienten rasch. Nur selten ist es notwendig, hier übelkeitsunterdrückende Mittel dazu einzunehmen.

Mehr zur Schmerztherapie und ihren Zusammenhängen mit der Ernährung hat der Krebsinformationsdienst hier zusammengestellt.